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Aus der Kategorie „Alltag“ (Kurzgeschichten):

Ines Schmidt

Arztbesuche

Der Gang zum Arzt, den versuchen wir doch alle mehr oder weniger zu vermeiden, oder ihn zumindest hinauszuzögern. Sicher, die eine oder andere Vorsorge, die nehmen wir schon in Anspruch. Vorausgesetzt wir gehen von einem glimpflichen Resultat aus.
 
Für mich ist das beispielsweise der jährliche Gang zum Zahnarzt. Ich mag ihn. Das Fünf-Minuten-Schwätzchen mit der Zahnarzthelferin über den vergangenen Sommer und das bevorstehende Weihnachtsfest, denn natürlich geh ich auf den letzten Drücker zur Prophylaxe. Das verschmitzte Lächeln meines Zahnarztes bei dem Satz: „Tja Frau Schmidt, ich muss Sie enttäuschen. Für mich gibt es heute nichts zu tun.“ Den wirklich scheußlichen künstlichen Fikus, der genau in Blickrichtung platziert ist.
Und da komm ich gleich zu der Frage, die uns sicher alle mehr oder weniger beschäftigt wenn wir auf des Dentistens Stuhl sitzen. ‚Wo schau ich hin?’ Für mich gibt es da drei Möglichkeiten.
In die Lampe - und eine halbe Stunde Blindheit danach riskieren. Dem Herrn Doktor die ganze Zeit ins Gesicht. Doch das könnte zu einigen Verwirrungen führen. Oder eben jenem schmuddeligem Plastikungetüm auf die grüngelbliche  Belaubung.
Schon beim ersten Besuch vor einigen Jahren hab ich mich für Letzteres entschieden. Und es war kein Fehler. Wir kennen uns jetzt schon, der Fikus und ich. Ich weiß, dass er nicht makellos ist in seinem Blätterkleid. Und er weiß, wie es in meinem Mund aussieht. Aber wir reden nicht darüber. Starren uns nur an, solang die Behandlung dauert. Und dann hoffen wir, ich jedenfalls, uns im nächsten Jahr wieder zu sehen. Das ist wie eine kleine Tradition. Wie Oma, die zu Weihnachten immer dieselbe Bluse trägt. Man weiß ganz genau, was einen erwarte.
 
Auch dem Besuch beim Hautarzt konnte ich bisher noch nichts Schlechtes abgewinnen. Hauptsächlich wohl, weil sich all die kleinen und großen braunen Pünktchen auf meiner Haut immer als harmlos, höchstenfalls als lästig geoutet haben.
Ein bisschen bizarr finde ich den Hautarzt-Besuch schon. Bis auf einen vergleichbar kleinen Rest an Kleidung am Körper, steht man gewissermaßen im Scheinwerferlicht. Ich halt dann immer nach meinem alten Freund, dem Fikus Ausschau. Werd enttäuscht, logisch. Stattdessen kann ich große bunte Bilder von diversen Hautkrankheiten betrachten. Oder Vorher/Nacher Bilder bestaunen.
Ein kurzer Laserblitz hier, schon ist der Besenreißer weg und macht Platz für den nächsten. Eine kleine Spritze dort, und nicht nur die Falten, sondern auch das Lächeln ist aus dem Gesicht gewischt.
So steh ich da und betrachte mehr oder weniger Kunst, während Frau Doktor mit ihrer ins Auge gekniffenen Superlupe meine Haut sichtet. Das dauert ein Weilchen, denn etwa eins Komma sieben Quadratmeter Ines-Oberfläche sind allerhand, wenn man die Größe des Sichtgerätes bedenkt. Nur der Kopf, ob des dichten Bewuchses und der letzte, noch vom Stoff bedeckte Teil meines Körpers, bleibt unbe(tr)achtet.
Auch hier gab es bisher kein einziges Mal eine Mängel-Meldung.
 
Genug zur Thema Vorsorge. Jetzt wird’s akut.
Seit einiger Zeit quält mich ein Husten. Gleich zum Arzt rennen kommt nicht in Frage. Wir wissen ja alle, Husten dient in erster Linie zur Reinigung der Atemwege. Hin und wieder gönn ich mir eine Zigarette. Also (m)ein Putzhusten.  
Nach der ersten Woche hab ich es mit Hausmittelchen versucht. Zwiebelsaft - ich muss das nicht haben! Salbei- oder Thymiantee, schon leckerer. Das war erfolglos!
Da hab ich mich für den Gang in die Apotheke entschieden. Schön, wie einem dort geholfen wird. Auf meine Frage nach einem Hustensaft, erkundigte sich die freundliche junge Frau erst einmal nach meinen Beschwerden. Ja, meine Beschwerden. Husten eben, deswegen der Hustensaft.
Schon kramte die pharmazeutisch-technische Assistentin ihr noch frisches Fachwissen aus, um es mir in einem süßlich belehrenden Ton zu unterbreiten. Husten sei keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom. Die Ursachen wären deshalb vielfältig. Ich könnte Erkrankungen von Lunge, Herz oder Magen aufweisen. Husten könne auch durch Stress und innere Anspannung begründet sein. Aha, das wusste ich noch nicht. Diese Variante fand ich toll, befand ich mich doch grad in einer Stresssituation.
Wir einigten uns darauf. Sie verkaufte mir einen rein pflanzlichen Hustensirup, der fast so viel Alkohol enthielt, wie mein Gläschen Wein am Wochenende. Vom Preis wollen wir lieber nicht reden. Wenn ich bedenke, dass sich außer Thymian und ein wenig Primelwurzel-Extrakt nichts weiter in der, im Übrigen wirklich köstlichen, Flüssigkeit befand, kamen mir schon Zweifel am Preis/Leistungsgefüge. Ganz gleich. Der Husten, von wem auch immer als Symptom voraus geschickt, musste verschwinden.
In etwa eine Woche dauerte dieses Husten-Beseitigungs-Experiment. Solange reichte der braune Naturtrank. Fazit nach dieser Woche. Hustensaft ist lecker, hilft aber nicht immer.
 
Eine Stimme wurde lauter, die eines Freundes. „Du mit deinem Gehuste, das nervt! Geh zum Arzt!“ Auf Freunde soll man ja hören, auch wenn sie ihre Anliegen eher uncharmant rüberbringen.
Ein paar Tage und ein Wochenende lang hab ich mich geziert und dagegen argumentiert. Bis zum Entscheidungsmorgen. Der Morgen, an dem das einatmen nicht nur wie Feuer brannte, sondern auch noch unendlich schwer fiel. Kein Gerede mehr, nein du musst mich auch nicht mehr böse anschauen. Heute geh ich zum Arzt!
Es ist schon drei Jahre her, dass ich wirklich erkrankt, den Fuß in die Praxis meiner Hausärztin gesetzt hab. Da hat sich schon einiges verändert. Nicht die Farbe an den Wänden, die nun grad nicht. Aber das Personal ist dramatisch geschrumpft. Die Anzahl des Personals wohlbemerkt. Wo sich früher noch zwei freundliche Gesichter nach Anliegen und Befinden erkundigten, sitzt heute nur noch ein grimmig gestresstes Fräulein. Sie manövriert mich vorerst ins Wartezimmer, ohne mich anzuhören.
Im besagten Raum saßen zwei Personen. Beide ziemlich weit entfernt von älter - in Richtung Ende des Lebensstrahles. Recht gebrechlich wirkten sie auch. Gut, dachte ich mir, das kann ja nicht so lange dauern, denn so viel Zeit haben die nun auch nicht mehr.
Hustend nahm ich Platz und mein Buch in die Hand. Nach zwanzig Seiten schwirrte die Anmelde-Schwester um die Ecke und forderte mich mit einer flinken Handbewegung auf, ihr zu folgen. ‚Nanu, schon dran? Klasse.’  Weit gefehlt. Jetzt durfte ich erst einmal meine Versicherungskarte und den Zehn-Euro-Obolus über die Theke reichen.
„Sie sind dann gleich dran.“ Ein Lächeln zeigte sich im Gesicht von Schwester Gabriele. Das konnte ich auf dem Schildchen an ihrer Brust lesen, als ich ihr mein Husten-Lächeln schenkte.
Zurück bei Stuhl und Buch bemerkte ich, dass sich das Wartezimmer in meinen drei Minuten Abwesenheit gefüllt hatte. Ganz ohne an der Anmeldung vorgesprochen zu haben, hatten nun noch zwei Damen mittleren Alters Platz genommen. Naiv wie ich bin, sah ich in ihnen keine Wartezeit-Bedrohung. Sie waren ja nach mir gekommen und sahen auch völlig gesund aus.
Nach ungefähr einer Stunde hatten die beiden Patienten aus der Pole-Position die Praxis mit reichlich Papier in den Händen verlassen.
 
Das war der Moment in dem ich mich fragte, was ich eigentlich hier wollte. Der Husten schien wie weggeblasen. Ich hätte mit der Zeit wirklich etwas Besseres anfangen können. Und auch noch zehn Euro bezahlt. Nachher schüttelt die Frau Doktor über mich nur den Kopf. Wegen einem lächerlichen Husten, der sich nicht einmal wirklich zeigt augenblicklich, sitze ich hier im Wartezimmer. Aber jetzt zu gehen wäre lächerlich und dumm. Also bleib ich, mich über mich selbst ärgernd, sitzen. Die Stühle um mich füllen sich allmählich.
Zu den zwei augenscheinlich gesunden Damen gesellen sich noch zwei dazu. Sie scheinen sich zu kennen und gleich erfahre ich auch woher. Genau hier treffen sie sich jeden Montag, um sich ihre Vitaminspritzen abzuholen.
Vitaminspritzen? Das ist doch das, was Tierärzte gern (tot)kranken Nagern verordnen. „Zum aufpäppeln!“ So als letzte hoffnungsvolle Tat. Mit einem leichten Schmunzeln versuche ich an den Damen irgendwelche Ähnlichkeiten mit einem Meerschweinchen zu erkennen. Oder gegebenenfalls eine Krankheit, die eine intravenöse Vitamingabe erfordert. Nichts von alledem kann ich erfassen.
Während die vier Vitamin-Freundinnen sich kichernd über Männer, ihre und andere, unterhalten, überfällt mich erneut der Grund meines Besuches hier. Ein Hustenanfall vom feinsten, der mir böse Blicke einbringt. Von wem muss ich nicht extra erwähnen. ‚Vielleicht hätte ich mir meine Vitamine nicht in dem Mund, sondern in die Vene stecken sollen?’ Diese Überlegung währt nur kurz. Der Geschmack von Apfel, Birne, Traube und co. sind mir schon ans Herz gewachsen. Darauf möchte ich nicht verzichten.
Erneut ist eine halbe Stunde vorbei gekrochen. Mittlerweile habe ich einen neuen Verdächtigen für die Untat, einen Menschen gesotten, rasiert und mit abgebissenem Ohr in einem Maisfeld abzulegen. Ich hab ja noch etwa zweihundert Seiten vor mir. Da kann und wird noch viel geschehen. Insgeheim hoffe ich, dass ich nicht alles heute, hier und an diesem Ort erfahre.
Plötzlich höre ich meinen Namen. Tasche und Buch unter den Arm geklemmt springe ich auf. Nur leider ist es mit meinem Namen so eine Sache. Es ist der zweithäufigste in Deutschland. Das heißt egal wo ich bin und wie viele Menschen da noch sind, immer ist ein Schmidt darunter. Das kann ganz lustig sein. In diesem Fall ist es eher unlustig. Denn nicht nur, dass ich nicht gemeint bin, nach knapp zwei Stunden Wartezeit. Die Frau Schmidt aus der Vitamin-Spritzen-Bande ist vor mir dran. Leicht verständlich, weil wirklich dringend. Wenn sie in den nächsten fünf Minuten nicht ihre Injektion erhält, bekommt sie womöglich noch eine Falte. Ich koche vor Wut und das bringt ein lauter Huster besser zum Ausdruck als mein grimmiger Gesichtsausdruck.
 
Die anderen drei Grazien wurden nacheinander ins Behandlungszimmer bestellt. Zum Glück gab es zur Spritze nicht noch ein Gespräch. Die Angelegenheit war nach einer viertel Stunde erledigt. Und ich konnte es kaum fassen, als ich erneut meinen Namen hörte und auch noch gemeint war. Vor Schreck fiel mir mein Buch aus den Händen. Nicht weiter dramatisch. Ein gutaussehender Herr warf sich für mich Richtung Boden und reichte es mir mit einem angenehm freundlichen Lächeln. Vielleicht sieht man sich beim nächsten Arztbesuch ja wieder.
Glücklich, doch hier und endlich an der Reihe zu sein, ging ich ins Behandlungszimmer. Frau Doktor blickte von ihren, oder besser meinen Papieren auf. „Sie sehen aber richtig schlecht aus.“ Als Kompliment wollt ich das nicht durchgehen lassen, aber doch zumindest als Bestätigung, dass ich nicht umsonst hier war. Die Frage nach meinem Befinden beantwortete ich hustend mit ‚Eigentlich ganz gut.’ „Wenn da nicht der Husten wäre.“ Konterte die Ärztin. Recht hatte sie.
Jetzt ging die Fragerei los. Wie lange haben sie das schon? – Ähm, so drei, vier Wochen?
Was haben sie bisher dagegen unternommen? – Zwiebelsaft, Kräutertee, Hustensaft. Kurz und knapp.
Bei jeder Antwort, die ich ihr gab, schüttelte sie unmerklich den Kopf. Als sie dann mit ihrem Stethoskop in mein Inneres hinein horchte, schüttelte sie den Kopf schon merklicher. Ein Blick in mein Gesicht. Ein Blick in meine Augen. „Ihre Lunge rasselt und ihr Herz flattert! Wir müssen mal Blut abnehmen. Das gefällt mir nicht!“ Da war ich ganz ihrer Meinung. Nicht wegen des Herflatterns. Ich lass mich nur nicht so gern stechen und mir noch ganz nebenbei ein paar Röhrchen Blut abzapfen. Die Aussage ‚wir’ finde ich in solch einem Falle so oder so recht amüsant. Denn nicht wir, sondern ich werde zur Ader gelassen.
 
So verließ ich nach zwei Stunden und zwanzig Minuten die Praxis. Um ein paar Milliliter Blut und Zehn Euro erleichtert. Dafür mit einem Rezept für Antibiotika und einem Wiederbestell-Termin-Zettel in der Tasche.
 
Mein Husten hat sich der antibiotischen Waffe ergeben. Verschwand, als Anzeichen wofür auch immer, in der Versenkung. Insgeheim hoff ich schon, dass er sich noch im Wartezimmer über die vier Damen aus dem Hause ACE hergemacht hat. Erfahren werd ich das natürlich nie. Aber in meiner Vorstellung sehe ich die Ladys beim gemeinsamen Antibiotika einwerfen und übers Vitamin-Spritzen zetern. Herrlich!




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Ines Schmidt).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Ines Schmidt auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2010. - Infos zum Urheberrecht


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