REISSTROH (Grosch B. Mich.)
Die Zeit des ersten leichten Regens war gekommen – und der indische Bauer Gopal montierte das neugeschliffene eiserne Schwert auf seinen hölzernen Pflug, um am nächsten Morgen mit seinem Ochsengespann die Pflügearbeit in seinen Reisfeldern beginnen zu können.
Altersschwach war der Pflug bereits, - genauso wie auch die beiden Ochsen, denen die schwere Arbeit des Pflugziehens in der schlammigen Erde oblag. – Gopal nährte die Hoffnung, daß Pflug und Ochsen noch eine Reihe von Jahren durchhalten – und ihre ihnen zugedachte Arbeit erfüllen konnten.
Wo hätte er einen neuen Pflug – oder gar ein neues Ochsengespann herbekommen; - er, der nur wenige Äcker Landes besaß – und eine größere Summe baren Geldes niemals auch nur gesehen hatte ?
- - Das Pflügen hatte begonnen; - schwer stapften die beiden Ochsen Budlu und Mingru durch den sich an ihren Hufen festsaugenden Schlamm. – Auch Gopal war die Anstrengung deutlich anzusehen, obwohl er doch lediglich durch geschicktes Halten des Pfluggriffes selbigen in der Spur zu führen hatte.
Vom Morgen bis fast zum Mittag zog sich die schwere – und doch so lebensnotwendige Arbeit, dann wurden die beiden Zugtiere freigelassen, um in den umliegenden Wäldern ihren Hunger – und am Fluß ihren Durst zu stillen.
Noch war vom vorjährigen Reisstroh vorhanden, welches den am Abend heimgekehrten Tieren zu ihrer kärglichen Grasmahlzeit während der heißen, trockenen Monate, zugefüttert wurde.
Nun würde sich die Lage bessern, denn der Regen ließ frisches Grün sprießen, welches den alten und schwachen Ochsen neue Kräfte verleihen sollte. –
- - Zwei Tage waren die Drei bereits bei ihrer Vorbereitung durch Pflügen – und weitere drei Tage würden notwendig sein, bevor die Ochsen ihre wohlverdiente Ruhepause einlegen könnten. – Danach würde Gopal sie erneut einspannen, um die herangewachsenen Reisschößlinge in die voll Wasser stehenden Felder pflanzen zu können. Denn ein zweites Pflügen war absolut notwendig, da das Gewicht des Wassers, nachdem die Erde sich vollgesogen hatte, diese wieder zusammenpreßte und somit undurchlässig machte.-
- Immer wieder mußten die beiden Tiere, entweder durch Zureden, oder gar durch Schläge mit einem Bambusstock, davon überzeugt werden, in ihren Bemühungen ja nicht nachzulassen, da andernfalls die Situation im kommenden Jahr sich als mehr denn fatal erweisen würde.
- Ohne Reis kein Leben; - das wußte Gopal nur zu genau.-
- - Am vierten Tage schien die Anstrengung für den links im Joch laufenden Budlu endgültig zu groß zu sein – und das erschöpfte Tier legte sich einfach in der noch ungepflügten Spur nieder – und schien durch nichts mehr zu bewegen, sich wieder zu erheben. – Gopal drosch verzweifelt auf ihn ein, nachdem er eingesehen, daß nunmehr durch Zureden nichts mehr zu erreichen sei.
Mit hängender, blauer Zunge blieb der Ochse liegen und schien die härter und härter werdenden Schläge nicht einmal mehr zu spüren. –
Schweißgebadet und erschöpft von der Anstrengung des Schlagen’s, setzte sich Gopal zu
Häupten des auf der Erde liegenden Ochsen nieder.
„Du dummes Tier,“ sprach er, „warum tust du mir, - doch vor Allem dir selbst – Solches an ?
Weißt du denn nicht, daß dies Alles nur euretwillen geschieht ?“
- Erstaunt blickte Budlu auf seinen Herrn und erwiderte:
„Nein, das wußte ich nicht. – Wie sollte möglich sein, was du da sagst ? Erkläre dich doch !“
So hub denn Gopal an:
„Diese ganze Plackerei ist größtenteils nur zu eurer Beider Gunsten. – Was würdet ihr wohl während der trockenen Jahreszeit fressen, wenn dieses nahrhafte Reisstroh nicht zur Verfügung stünde ? – Ihr würdet elendiglich zugrunde gehen !“
Aufmerksam lauschten beide Tiere den Worten Gopal’s, Welcher fortfuhr:
„Dachtet ihr etwa, daß die paar Körner, welche an der Spitze des nahrhaften Stroh’s hängen, für mich von großem Nutzen sind ? – Daß ich nicht lache ! Seht mich an; - warum bin ich wohl so klein und schwach, - ihr Beide hingegen so groß und kräftig ? – Nun, weil ihr Unmengen des nahrhaften Reisstroh’s verzehrt – und ich mich mit ein paar mickrigen Körnern begnügen muß. – Undankbar seid ihr – und wißt nicht meine Sorge um euch zu würdigen; - ich weiß selbst nicht, warum ich mir euretwegen solche Mühe auflade. Ihr habt Solches gewiß nicht verdient !“
Gopal erhob sich.
„Bleibe also getrost liegen; - für mich kann es nur von Nutzen sein; - denn wenn nicht gepflügt ist, brauche ich den Großteil der Reiskörner auch nicht für die Aussaat zu verschwenden – und habe somit etwas mehr zu essen.“
Der Bauer drehte sich um und machte Anstalten, davonzugehen.
„Warte,“ rief Budlu, „geh’ nicht fort; - ich werde mich bemühen, meine Pflicht zu deiner Zufriedenheit zu erfüllen !“
Mit diesen Worten erhob sich das geschwächte Tier mühsam – und stand bereit zum weiteren Pflügen.-
- - Zufrieden lächelnd schritt Gopal hinter seinem Gespann. - `Na also,´ dachte er, `darum
ist der Mensch dem Tiere überlegen – er besitzt mehr Geist und Witz.´
- Noch einen Vormittag, - dann wäre das erste Pflügen beendet; - bis zum zweiten Pflügen wären die Tiere bereits durch das neue, frische Grün gekräftigter – und Gopal hätte wieder für ein weiteres Jahr Zeit gewonnen. –
- - Am nächsten Morgen holte Gopal die beiden Zugochsen , um mit ihnen gemeinsam das letzte Stück seiner Reisfelder in Angriff zu nehmen. – An Ort und Stelle angekommen, wollte er ihnen gerade das hölzerne Joch anlegen, als er von Budlu angesprochen wurde:
„Gopal, - deine gestrigen Worte haben mich zutiefst beschämt- und ich habe mich darum während der Nacht mit meinem Gefährten besprochen. – Wir geben dir in Allem recht – und sind zu der Einsicht gekommen, daß wir dir in all den Jahren großes Unrecht angedeihen ließen. – Darum wollen wir hinfort auf das nahrhafte Reisstroh verzichten, - welches nun alleine dir zugute kommen soll – und wollen uns mit den paar Körnern am Ende der Halmspitzen begnügen....“
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