Dies ist eine Geschichte für meine Freundin Simone.
Sie macht gerade eine schwere Zeit durch und ich wollte sie hiermit trösten.
Hab dich lieb, meine Große!
Dein Fischli
Meine Abenteuer an Simones Seite
Wie lebten beide schon lange in diesem Kinderzimmer. Wir, das waren Fritzi, mein Freund und ich, Hannibal. Fritzi war ein Stoffhase mit ganz langen Ohren und einem niedlichen Stummelschwanz. Früher war er einmal ganz weiß, doch mit der Zeit hatte er immer weniger Fell, an manchen Stellen war es schon ganz abgewetzt. Ich bin ein brauner Bär, wie man sie zur Geburt eines Kindes verschenkt. Und genau so lange lebte ich auch schon in diesem Kinderzimmer. Überall nahm mich Simone, meine Mama, mit hin. Eines Tages schleppte sie mich sogar mit in den Kindergarten. Ganz fest hielt sie mich in ihren kleinen Ärmchen. Doch sie konnte es damals, mit ihren 3 Jahren, noch nicht verhindern, dass mich die anderen Kinder unter den Wasserhahn steckten. Triefnass lag ich danach auf dem Fußboden und habe entsetzlich gefroren. Doch Simone hob mich weinend wieder auf und ich wurde mit einem Föhn getrocknet. Eine meiner schlimmsten Erfahrungen ist das zu dieser Zeit gewesen. Danach musste ich nie wieder in den Kindergarten.
Doch auf allen Reisen war ich dabei. Im Auto oder Zug, ich sah die ganze Welt. Manchmal war es spannend und manchmal einfach nur anstrengend. Als sie größer wurde, vergaß sie mich immer öfter mit zu nehmen. Das machte mir am Anfang ganz viel Angst, denn ich dachte, sie hätte mich nicht mehr lieb. Doch ihre Mutter setzte mich dann immer aufs Bett, mitten auf die weichen Kissen und ich konnte dort auf Simone warten. Wenn sie dann kam und mich sah, nahm sie mich in den Arm und die Welt war wieder in Ordnung. Fritzi hatte nicht so ein Glück. Er kam erst später dazu. Der Weihnachtsmann musste ihn wohl gebracht haben, dann auf einmal war er da und teilte sich mit mir das Bett. Zuerst war ich eifersüchtig, sah er doch noch so neu und kuschelig weich aus. Doch im Arm meiner Simone hatte ich meinen Platz. Da konnte auch Fritzi nichts dagegen machen.
Nach einiger Zeit, nachdem wir immer wieder gemeinsam auf dem Kissen saßen und auf unsere Mama warteten, verstanden wir uns ganz gut. Wir unterhielten uns viel und beratschlagten oft und lange die Probleme, die wir von Simone zu hören bekamen. Nachts lag sie wach und erzählte uns beiden von ihrem Tag in der Schule und wie sie wieder einmal geärgert worden war. Fritzi und ich versuchten dann, so geht es ging, Simone zu trösten und ihr Mut zu machen. Manchmal waren wir auch in ihren Träumen. Dann war es einfacher, ihr etwas zu sagen und ihr Ratschläge zu geben. Sie sollte sich nicht ärgern lassen und ihre Ängste der Lehrerin mitteilen. Das machte sie dann auch und es wurde besser. Wir waren dann ganz stolz auf uns, weil wir sie so gut beraten konnten.
Dann kam eine schlimme Zeit. Simone war im Begriff erwachsen zu werden. Sie hatte ihr ganzes Zimmer umgestellt. Es war jetzt kein Kinderzimmer mehr, sondern ein Jungmädchenzimmer, wie sie immer sagte. Wir wurden aus ihrem Bett geworfen und ein Junge nahm unseren Platz ein. Nun lag er in ihren Armen und hörte zu. Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl bei dem Kerl, aber Fritzi versuchte mich immer wieder zu beruhigen, dass das der Lauf des Lebens sei. Mir war das egal. Ich lag auf dem Boden unter dem Bett und fühlte mich einsam und verstoßen. Staubflöckchen umgaben mich und ich schlief viel. Ich wurde ja nicht mehr gebraucht.
So vergingen die Monate oder waren es Jahre? Ich hatte mich in mein Schicksal ergeben, mein restliches Leben unter dem Bett zu verbringen. Fritzi hatte einen besseren Platz bekommen. Er saß ganz oben auf dem Schrank und konnte von dort das Geschehen beobachten. Manchmal berichtete er mir die Neuigkeiten, aber es wurde immer weniger. Auch er zog sich in seine eigene Welt zurück.
Dann kam der Tag, als plötzlich eine Hand unter das Bett griff, mich schüttelte und mich in den Arm nahm.
Mama hatte sich wohl wieder an mich erinnert und mich hervor gezogen. Doch wie sah sie aus? Sie war so groß geworden! Tränen liefen an ihren Wangen herunter, als sie mich anschaute.
„Mein lieber Hannibal. Es ist etwas ganz schreckliches passiert. Mein Freund hat eine neue Freundin und meine Eltern wollen sich scheiden lassen. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll oder wie ich weiter leben soll. Es ist alles so traurig. Niemand hat mich mehr lieb!“
Ich wollte schreien, mich in ihre Arme werfen und rufen, dass ich sie lieb hatte. Die ganze Zeit! Sie sollte doch auf diesen Jungen verzichten. Er hatte es eh nicht gut mit ihr gemeint. Aber das alles konnte ich ihr nicht sagen. Wir waren uns so fremd geworden. Ich war nur noch ein Stoffbär. Was konnte ich schon tun?
Ich dieser Nacht schlief ich das erste Mal wieder in ihren Armen und versuchte sie zu trösten.
Ab jetzt sprach sie wieder mit mir. Sie erzählte mir, von der Scheidung ihrer Eltern, dass der Vater bald ausziehen würde und ihre Gefühle deswegen. Ich hörte mir alles an und versuchte wieder in ihre Träume zu gelangen. Dort konnte ich sie beruhigen. Manchmal war es ganz einfach, da war sie offen und hörte mir zu. Doch oft schaffte ich es nicht. Sie war schon so groß und da ist es nicht mehr so einfach. Die Menschen ändern sich und glauben nicht mehr an die Kraft von uns Stofftieren.
Die Nächte wurden länger und Weihnachten stand vor der Tür. Ich spürte diese besondere Atmosphäre und freute mich auf die Nacht des heiligen Abends. Da haben wir besondere Kräfte. Das wusste ich noch von früher.
„Fritzi, merkst du das auch? Überall duftet es nach Weihnachten. Nach Plätzchen und Nadelduft. Ob der Vater schon ausgezogen ist? Was meinst du?“
„Ja, ich rieche es auch. Der Vater ist doch schon lange weg. Er hat die Familie einfach im Stich gelassen. Das wird dieses Jahr ein schlimmes Weihnachtsfest werden, das sage ich dir gleich.“
„Ach was. Wir werden ja sehen,“ rief ich noch voller Überzeugung.
Fritzi sollte recht behalten, aber anders, als wir alle glaubten.
Der heilige Abend war gekommen. Ich saß wieder einmal auf dem Kopfkissen und wartete darauf, dass Simone zu mir kommen sollte und ich sie trösten konnte.
Doch es lief anders. Plötzlich öffnete sich die Tür und etwas stürmte in unser Reich. Es sprang auf das Bett, lief darauf herum und sprang dann wieder hinunter. Dann sauste es durch das Zimmer, warf eine Kiste mit Spielzeug um, die bist jetzt überlebt hatte und war wieder verschwunden.
Ich saß wie versteinert auf meinem Platz. Was um Himmels willen war das denn gewesen?
Ich schaute verstohlen zu Fritzi, der auch ganz erschrocken bis an den Rand des Schranks geklettert war.
„Au weia! Das kann ja lustig werden!“ rief er mir zu.
„Das war ein junger Hund! Die sind eine ganz große Gefahr für uns Stofftiere! Die schütteln uns, reißen uns den Kopf und die Beine ab und zerlegen uns in Einzelteile! Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Am Besten du versteckst dich unter der Bettdecke. Er darf dich nicht finden!“
Der Schreck über diesen Vorfall saß noch so tief, dass ich mich überhaupt nicht rühren konnte.
Warum tat sie uns das an? Warum holte sie sich so einen Wirbelwind ins Haus, der uns fressen will? Hat sie uns denn nicht mehr lieb? Sind wir ihr denn nicht genug?
Traurig und völlig verstört befolgte ich den Rat von Fritzi und kletterte und die Decke.
Keine Minute zu früh. Da kam das Monster schon wieder. Aber diesmal war Simone mit dabei. Ganz nach hinten, unter das Kissen hatte ich mich verkrochen. Da konnte er mich nicht finden. Doch was war das? Durfte er in diesem Bett, auf meinem Platz schlafen? So nah bei meiner Mama? Er durfte. Und wie er durfte. Er lag in ihren Armen und sie redete mit ihm. Natürlich. Er konnte zwar auch nichts verstehen, aber er wackelte mit dem Schwanz und leckte ihr Gesicht ab. Das konnte ich nicht. Ich sah Simone das erste Mal wieder lachen. Einerseits freute es mich sehr, andererseits versetzte es mir einen tiefen Stich. Das war doch meine Aufgabe.
Doch es sollte noch schlimmer kommen.
Auf einmal suchte ihre Hand nach mir, fand mich und zerrte mich aus meinem Versteck hervor.
„Schau mal Hannibal. Das ist nun mein neuer Freund. Meine Mama hat ihn mir geschenkt. Er soll auf mich auf passen und wohnt nun bei uns. Papa ist ja nicht mehr da. Jetzt kann ich endlich einen Hund haben. Er heißt Muffin und ist ein ganz Lieber. Ich hoffe, ihr versteht euch. Er wird nun neben mir schlafen. Gute Nacht!“
Muffin hießt das Monster also. Er grinste mich an. Ich wusste gar nicht, das Monster auch grinsen können.
„Dich erwische ich schon noch. Dann werde ich dich zerlegen und in meinem Körbchen verstecken! Stofftiere habe ich zum fressen gern,“ raunte er mir zu, schmatze genüsslich und rollte sich in den Arm meiner Mama. Sie streichelte ihn liebevoll.
Jetzt hatte ich Angst. Innerlich zitterte ich am ganzen Körper. Ich musste weg hier, fliehen, mich verstecken...
Über diesen Gedanken musste ich wohl völlig erschöpft eingeschlafen sein, denn ich wurde wach, als ich einen lauten Schrei hörte.
Mittlerweile war es wieder heller Tag. Der Tag nach Weihnachten. Die Sonne schien ins Zimmer und alles hätte so friedlich sein können.
Doch etwas Grausames spielte sich vor meinen Augen ab. Fritzi war so neugierig gewesen, dass er vom Schrank gefallen war. Nun hing eine feuchte Hundeschnauze direkt über ihm.
„Bitte, bitte,“ schrie Fritzi verzweifelt!
„Lass mich in Ruhe! Ich will nicht sterben!“
„Aber ich will doch nur mit dir spielen! Stell dich nicht so an!“ bellte Muffin zurück und wollte sich Fritzi schnappen.
Das konnte ich nicht zulassen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief:
„Hey Muffin! Lass meinen Freund in Ruhe! Nimm mich! Mich willst du doch fressen. Komm her!“
Muffin drehte sich erschrocken um. War das etwa Angst in seinen Augen? Hatte ich so laut geschrien?
Muffin drehte sich um, zog den Schwanz ein und trollte sich aus dem Zimmer. Was ich nicht gehört hatte, war, dass Simone nach ihm gerufen hatte. Sie war gerade an ihrem Zimmer vorbei gegangen und hatte das Spiel gesehen. Ich hatte es aber vor lauter Aufregung gar nicht mit bekommen, denn mir rauschte es in den Ohren.
Nachdem das Zimmer wieder leer war, richtete sich Fritzi auf und schaute mich an. In seinen Augen lag Bewunderung.
„Wie hast du das denn nur gemacht? Du bist mein Held! Ich danke dir!“
Ich wurde ganz verlegen. Ich wusste nicht, wie ich das gemacht hatte, aber ich war stolz auf mich. Nun hatte der Hund Respekt vor mir. Nun konnte mir nichts mehr passieren, dachte ich.
Nächte lang lagen wir gemeinsam im Arm meiner Mama. Fritzi hatte seinen Platz auf dem Schrank zurück bekommen und war nun in Sicherheit.
Muffin redete kein Wort mit mir und ich war sehr froh darum. Wir hatten uns an einander gewöhnt. Ich versuchte weiterhin Simone in ihren Träumen bei zu stehen und sie schien glücklich darüber zu sein, denn sie lächelte nun öfter im Traum.
Muffin war mit Gassi gehen und spielen so ausgelastet, so dass er uns Stofftiere auch am Tag in Ruhe lies. Alle waren ganz stolz auf mich, wie ich das gemacht hatte und ich genoss den Ruhm.
Dann kam der Tag, der alles verändern sollte. Simone zog aus ihrem Kinderzimmer aus. Viel nahm sie nicht mit. Sie wollte sich etwas Neues aufbauen und ihre Kindersachen zurück lassen. Ich war fest davon überzeugt, dass sie mich mitnehmen würde, doch ich sollte mich täuschen.
Sie hatte ihre Kisten gepackt und war einfach verschwunden. Simones Mutter legte mich auf das Bett, das so lange ihr und mein Reich gewesen war.
„Sei nicht traurig, kleiner Hannibal,“ sagte sie zu mir, als sie mich so einsam und verlassen in dem großen Bett liegen sah.
„Meine Kleine ist nun erwachsen geworden. Sie braucht nun keine Stofftierchen mehr. Sie hat einen Mann, der sie liebt und einen Hund, der auf sie aufpasst. Jetzt hast du endlich deine Ruhe. Genieße deinen Lebensabend. Irgendwann wird sie dich mal besuchen kommen und sich an dich erinnern. Doch bis dahin hast du es hier gut.“
Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer ihrer Tochter und zog die Tür hinter sich zu.
Ich war wie versteinert. So lange Zeit hatte ich ihre Träume bewacht und das war der Dank dafür? Ich konnte sie nicht verstehen.
Die Tage vergingen und die Tür blieb geschlossen.
Selbst Fritzi konnte mir nicht helfen. Er hatte sich in sein Schicksal ergeben, sich mit den Tierchen auf dem Schrank angefreundet und feierte oft lange Partys ohne, dass jemand störte. Das war die angenehmen Seite, wenn niemand mehr da war.
Es war ein schöner Frühlingstag, als mir die Sonne durchs Fenster auf meinen Bauch schien. Endlich war es wieder warm draußen und ich musste in dem ungeheizten Zimmer nicht mehr frieren.
Plötzlich kratzte es an der Tür. Es winselte und jaulte und auf einmal sprang die Tür auf.
Ich war wie versteinert. Der Hund war wieder da. Was wollte der denn? Wollte er sich an mir rächen?? Endlich sein Werk vollenden?
Da war er auch schon neben mir auf dem Bett und seine kalte Schnauze hing über mir.
Dann leckte er mich ab!
„Endlich habe ich die Möglichkeit, dich zu holen. Das ist so schlimm alleine mit ihr! Mich hat sie aus ihrem Bett verbannt. Jetzt liegt nur noch der Mann bei ihr und sie ist so allein. Am Anfang langen sie sich noch in den Armen, doch nun muss sie oft alleine einschlafen.
Du hast ihr doch immer so gut geholfen. Bitte lass mich jetzt nicht im Stich. Du musst mit kommen und dich wieder um sie kümmern! Würdest du das tun??“
Muffin schaute mich flehend an, so wie nur Hunde es können. Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht mit so etwas.
Ich drehte meinen Kopf und sah zu Fritzi hoch.
„Natürlich gehst du mit. Ich komme hier schon allein zurecht. Ich habe hier Freunde gefunden und genieße mein Stofftierleben. Du hast eine andere Aufgabe. Geh mit dem Hund und helfe Simone. Ich wünsche dir viel Glück!“
„Danke Fritzi! Ich werde an dich denken!“ rief ich ihm zu.
„Komm, lass und gehen. Aber versprich mir, dass du mich nicht fressen wirst!“
Muffin hob mich ganz vorsichtig hoch und trug mich in seiner Schnauze die Treppe hinunter zum Wohnzimmer. Auf dem Weg nuschelte er mir ins Ohr:
„Ich wollte dich nie fressen. Und auch Fritzi nicht. Aber ich war damals noch so jung. Ich wollte nur spielen und euch einen Schreck einjagen. Das wird nie wieder vor kommen. Ich danke dir, dass du mir und Simone hilfst.“
Mit diesen Worten brachte er mich zu ihr. Als sie mich sah, wurden ihre Augen ganz groß, sie drückte mich an sich und die Welt war endlich wieder in Ordnung! Ich hatte meine Mama wieder! Wir alle waren glücklich. Selbst der Hund wedelte mit dem Schwanz.
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